Ein Brief, der nie abgeschickt wurde:
Die Ziele der Studentenbewegung
Veit Feger, Ehingen - Veit.Feger@t-online.de,
Oktober 2006
Verehrtes Ehepaar N.,
ich habe mich sehr gefreut, dass Sie mich bei diesem Konzert-Abend ansprachen und sich mir bekannt machten. Danke!
Ich habe in den folgenden Tagen mehrmals über unsere Pausen-Unterhaltung nachgedacht.
Ich gestand Ihnen meine Zugehörigkeit zur Studentenbewegung. Und ich hörte von Ihnen als Ihre damalige Einstellung einen jener Sätze, die man von Kritikern dieser Studentenbewegung (künftig kurz: SB) vor fünfunddreißig – vierzig Jahren häufig hörte, nämlich: "WIR bauen das kriegszerstörte Deutschland auf" – unausgesprochen: IHR Studenten tätet gut daran, beim Aufbau mitzumachen, statt rumzumosern etc. etc.)
Tja, nach unserer Unterhaltung an jenem Sonntagabend kramte ich in meinem Gedächtnis, was ich als Verteidigung der SB gegen die Kritik "unnütz" vorbringen könne, gegen jene Einschätzung, die vermutlich noch immer von vielen MEINER Generation und noch mehr von Ihrer Generation, so 15 Jahre älter als ich, geteilt wird. Dabei sind wir beide, Sie und ich, bald schon soooo alt, pardon!, dass das Thema "SB" in den Orkus der Geschichte fällt.
Bei meiner Sucherei fiel mir als positiv an unserer SB folgendes ein (was jetzt etwas idealisierend und typisierend klingen mag):
1. Wir Studenten legten damals verstärkt den Finger auf die vergessene oder aber viel eher verschwiegene und verschleierte Vergangenheit "Drittes Reich" mit all ihrer - auch GEISTIGEN - Kriminalität.
(Mir fällt grad ein: Ich selbst war im Frühjahr 1965 zum Studium extra zu einem Uni-Lehrer gegangen, der es damals wagte, das deutsche Bildungsbürger-Heiligtum Heidegger zu kritisieren; ich stelle auch grad fest, dass ich die Adorno’sche Kritik an Heidegger im Suhrkamp-Verlag nur wenige Monate vor meiner Übersiedlung nach Frankfurt, am 2. November 64, erworben hatte. Wie Sie wissen, begrüßte Martin Heidegger, Professor der Philosophie in Freiburg, im Frühjahr 33 hymnisch den frischgekürten Führer. Ich selbst befasste mich einige Jahre nach diesem Schritt mit der deutschen Hochschul-Philosophie im Dritten Reich (Hätte ich meinen Text damals fertiggestellt und veröffentlicht, wär es eine "Pilotstudie" gewesen).
Was mir des weiteren zum Thema "Vergangenheits-Veröffentlichtung" gerade einfällt: Ein Reutlinger Bekannter, damals ein Student wie ich, legte in jener Zeit die NS-Vergangenheit eines seiner Theologie-Professoren offen - und konnte daraufhin nicht mehr in Tübingen promovieren. Er wurde aber trotzdem ein angesehener Schriftsteller.
Dieses Ziel, nämlich: „klar sagen, was im Dritten Reich los war, und vor allem, wie wenig davon in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit bestraft oder auch nur wenigstens kenntlich gemacht ist" – dieses Ziel ist eines der heute am seltensten genannten, wenn es um die Beschreibung der Studentenbewegungs-Ziele geht.
Andere Ziele werden eher genannt (nur selten alle zusammen).
Im folgenden noch einige mehr:
2. Stoppt die Aushöhlung des Parlamentarismus durch eine Große Koalition!
3. Stoppt die Bedrohung der Demonstrationsfreiheit durch (offen oder nicht-offen erklärte) Notstandsgesetze!
4. Stoppt die charakterliche Deformation durch den alltäglich gewordenen Zwang zur Konkurrenz! (ein ideales Ziel gewiss, und auch eines mit Nachteilen, siehe beispielsweise DDR)
5. Stoppt die Einschränkung von Freiheit auf nichts als die Freiheit zum Konsum (hier waren wir Studenten zu arrogant)
6. Stoppt die Verdummung und Irreführung der Menschen durch Massenmedien! (ein unmögliches Unterfangen, wenn man keine Zensur einführen will)
7. Stoppt die mangelhafte Organisation des Unterrichts an den Universitäten, ihren Leerlauf, ihre daraus folgende Überforderung der Studenten und die Schädigung ihrer Psyche! (Studenten wiesen die höchste Selbstmordrate in der Bevölkerung auf , damals jedenfalls)
8. Stoppt die westliche Unterstützung für Unrechtsregime in der Dritten Welt (Diese fatale Unterstützung der falschen Regime dauert noch immer an)
9. Stoppt den Ausbau der Atomwaffen-Arsenale! (hier war vermutlich die Politik der USA damals effizienter, weil ihr Wettrüsten die UdSSR möglicherweise zur Perestroika veranlasste; so sagen jedenfalls einige Kreml-Astrologen)
10. Stoppt militärische Interventionen in der Dritten Welt, Interventionen, deren Kosten weit größer sind als der offiziell angekündigte NUTZEN (im Vietnamkrieg wurde viel mehr zerstört als für die Freiheit gewonnen; und so ist es nun ja wieder im Irak der Fall. - Dort, wo KEIN Öl lockt, obwohl grauenhaft gemordet wird, wie im Sudan oder vor einigen Jahren in Zentralafrika, da wird sowieso von westlichen Nationen nicht eingegriffen).
11. Stoppt die wirtschaftliche Ausbeutung der Dritten Welt!
12. Stoppt in den Wissenschaften die unzureichende Befassung mit Befreiungsbewegungen und Revolutionen (in Deutschland etwa die Themen "Bauernkrieg", "1848", "Sozialgeschichte von Unterschichten")! Kümmert euch um die Kultur auch der Unterlegenen (nicht nur der Sieger)!
13. Fördert eine offene, das heißt: eine nicht (wie bis DAhin und wohl auch noch bis heute übliche) sprachlose Darlebung von Sexualität - Heute verwechseln die Leute die Offenheit von Talk-Shows mit der individuellen, eigenen Fähigkeit zur Offenheit, aber die „schaffen sie immer noch nicht.
14. Stoppt die Ungleichbehandlung von Frauen!
15. Stoppt die Ausgrenzung unüblicher Formen von Sexualität, vor allem die Sexualität gleichgeschlechtlicher Menschen! (Man könnte mir entgegenhalten: "Das fördert Spaßgesellschaften." Nun, gegen solche Gesellschaften habe ich nichts einzuwenden. Indes, gerade beim Stichwort „Homosexualität“ kann und muss daran erinnert werden, dass nur zweieinhalb Jahrzehnte früher Homosexuelle in Konzentrationslager verbannt wurden.
16. Erzieht Kinder weniger autoritär, versucht, sie zu Widerspruch und Kritik zu befähigen! (Damit sie nicht mehr so grauenhafte Mitläufer werden wie die Deutschen zwei, drei Jahrzehnte zuvor). Inzwischen scheinen die guten Lehren aus dem Dritten Reich wieder vergessen oder verdrängt zu werden.
17. Stoppt die Ausgrenzung von Ausländern! (Macht nicht mehr die selben bösartigen Fehler wie im Dritten Reich!)
18. Bessert die Chancen von Unterschicht-Kindern, erleichtert den Aufstieg durch Zugehörigkeit zu besser ausgebildeten und gebildeten Schichten der Gesellschaft)
Ich formulierte hier fast durchweg "negativ": stoppt!, stoppt! stoppt! Das kann einen falschen Eindruck wecken, als ob wir Studenten nur Nein-Sager gewesen wären. Indes: Die brilliantesten Untersuchungen damals zur Hochschulreform und ausgearbeitete, diskutierte Vorschläge dazu kamen von (SDS)-STUDENTEN! Ausführliche Darlegungen der politischen Situation in Vietnam (erschienen in Buchform) kamen von STUDENTEN. Ich selbst habe in meinem Leben in keinem politischen Gremium wieder so intellektuell brilliante öffentliche Diskussionen erlebt wie beim Deutschen Studententag Anfang 68 in München.
Mit die ersten Untersuchungen der „braunen“ Vergangenheit unserer Uni-Lehrer kamen von 68er-Studenten oder von Schriftstellern, die in jüngeren Jahren von dieser „Bewegung“ „geweckt“ worden waren.
Zu jenen Journalisten und Historikern, die ursprünglich engagierte Studenten waren, gehört etwa der mit mir altersgleiche Jörg Friedrich, der 1984 eine brilliante Untersuchung über die "Kalte Amnestie – NS-Täter in der BRD" herausbrachte (20 Jahre später eine ebenso fulminante Untersuchung über den Bombenkrieg gegen Deutschland), oder der vorhin erwähnte Reutlinger Schriftsteller Hellmut G. Haasis - mit seinen Untersuchungen über deutsche Freunde der französischen Revolution, über frühere Aufstandsbewegungen in der europäischen Geschichte, über den Justizmord an Jud Süß, über den der Unterschicht entstammenden (und sehr viel früheren und entschiedeneren) Hitler-Attentäter Georg Elser (anders als die vergleichsweise späten 20.-Juli-Leute, die zuvor die ungerechten NS-Eroberungskriege mitgetragen hatten. Gerade die Arbeiten des hier genannten einstigen Studenten-Aktivisten Hellmut Haasis zeigen das Fortwirken von Impulsen der Studentenbewegungszeit.
Ich darf auch mich erwähnen: Ich war Anfang der 80er Jahre der erste in Ehingen (und bisher auch der einzige), der ausführlich über das sogenannte Kriegsgefangenen-Lazarett im Ehinger Konviktsgebäude schrieb, eine Einrichtung, die besser als NS-Tötungsmaschine zu beschreiben ist. Während meiner Tätigkeit in der Ehinger SZ erschienen aus der Feder meines (ebenfalls der Studentenbewegung verpflichteten) Redakteurs Wolfgang Schmid zahlreiche Recherchen zum Dritten Reich in Ehingen und zur Zeit unmittelbar danach - es war das einzige Mal, dass derlei in einem Medium in Ehingen zum Thema gemacht wurde.
Ich denke, die von mir genannten Ziele der Studentenbewegung (manches erst Jahrzehnte danach eingelöst) können sich sehen und auf jeden Fall diskutieren lassen und hatten (oder haben noch) ihre Berechtigung neben dem fraglos nötigen und richtigen Aufbau eines zerbombten Landes, neben Sicherung von Exporten etc. – Beide Ziele, die Ihren als leitender Angestellter einer großen Firma, und die meinen als „Achtundsechziger“, schließen sich nicht aus.
Übrigens: Die vorhin genannte Aufarbeitung der einstigen NS.Kriminalität ist weder, was die HAND-Täter, noch, was die Schreibtisch-Täter betrifft, bisher zureichend geschehen. Die "Kalte Amnestie" ist eines der traurigsten und bittersten in der bundesdeutschen Geschichte. - Man verwechsle bitte nicht Bücher über Adolf Hitler (etwa jenes berühmte des gerade verstorbenen Joachim Fest) mit einer AUFARBEITUNG jener Zeit und Gesellschaft. Der Nationalsozialismus war nicht nur die Sache einiger weniger bösartiger Verführer. Viele Mittäter duckten sich nachher weg hinter der mächtigen Figur Adolf.
Noch ein Gedanke ist mir grad heute gekommen (und veranlasste mich dann auch zu diesen Zeilen an Sie): Die vielen mit hohen Pensionen weiterlebenden und nie oder nur ganz selten angemessen belangten NS-Übeltäter schämten sich nach dem Dritten Reich NICHT ihrer Taten, sehr wohl aber die Besseren, die Distanzierten, die Nicht-Täter, die ihr Leben oder das ihrer Angehörigen nicht aufs Spiel setzten, um zu überleben: DIE schämten sich nachher und wollten am liebsten nix mehr von der eigenen Jämmerlichkeit sehen und hören, waren deshalb freilich auch nicht sehr an einer Verfolgung der tätigen Schweine interessiert. "Am besten einfach alles vergessen, in die Hände gespuckt und angepackt beim Wiederaufbau!"
Diese Haltung war, vermute ich, einer der Gründe dafür, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Deutschen nach dem Dritten Reich, eben die Zur-Rechenschaft-Ziehung der Schweine, nicht zureichend stattgefunden hat (neben der ebenfalls ganz unzureichenden WIEDERGUTMACHUNG – man denke nur an die Art, wie Zwangsarbeiter "entschädigt" wurden, und an die "Entschädigung" vieler Verfolgter und ihrer Angehörigen).
So, nun hab ich aus der Seele geschrieben. Ich bitte um Nachsicht für so viel Direktheit.
Ihnen beiden wünsche ich eine gute Zeit. Und vielleicht sehen wir uns mal wieder – und Sie sprechen mich wieder freundlicherweise an.
Veit Feger Veit.Feger@t-online.de