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STAUFFENBERG-ERINNERUNGSSTÄTTE (2)
WO BLEIBT DER ANDERE STUTTGARTER WIDERSTAND?

Endlich macht sich Stuttgart auf, an den Hitlergegner Claus von Stauffenberg zu erinnern. 62 Jahre nach dem Befreiungsversuch von 1944. Die Feder führt das Haus der Geschichte. Warum eigentlich? Der Gedenkraum gehört zum Landesmuseum.

Der Empfang stimmt einen sinnig in alte Zeiten zurück: „Fotografieren verboten!“. Warum?

Sinnvoll wäre das Verbot für 2 - 3 lichtempfindliche Dokumente, aber nicht für neu angebrachte Aufschriften, für das Gewölbe, den seltsamen Podiumsaufbau in der Mitte? Sollen da künftig Kränze von Staatsbesuchern abgelegt werden? Dann hätten wir ein Mausoleum.

Die Nische mit der Darstellung des Attentats trägt den unglücklichen Titel „20. Juli 1944 Umsturz“. Dabei war es ja höchstens ein Versuch.

Was war der 20. Juli? Staatsstreich, im Versuch? Putsch? Aufstand? Militärrevolte? Verschwörung? Befreiung? – Nichts davon wird hier diskutiert. Gab es kein Exponat dafür?

Die Verblüffung ist vollkommmen, wenn man den Schwur der Brüder Stauffenberg liest, zu dem sie sich Anfang 1943 durchrangen.

Es wäre Zeit, sich von der Aura der Heldengestalt Stauffenberg nicht ablenken zu lassen – dann käme der raunende, mythisch verkleisterte Deutschnationale und Jünger von Stefan George zu Tage, dem geistigen Ziehvater dieser Generation.
Der Schwur beginnt gleich schief: „Verachten die Gleichheitslüge....“ Bekommen da die schwachen sozialistischen Kräfte unter den Oppositionsströmungen ihr Fett weg – noch bevor Hitler gestürzt ist?

„Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt, den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Missgunst überwindet.“

Das klingt verdächtig nach dem Motto: „In der Mitte ist holdes Bescheiden“, sagte schon unser Landsmann Mörike.

Was soll denn das alles heißen? Nichts Gutes für die künftige Demokratie. Wurzeln in der Heimat? Das riecht arg nach Heimattümelei, nach Ewiggestrigem, nach knorriger Beständigkeit beim Hergebrachten. Und mit allen zufrieden, wie es ist?

Der Aufruf gegen den Neid klingt immer ein wenig fatal aus dem Munde privilegierter Herrschaften.

Wir sollen ein Volk sein, das den natürlichen Mächten nahebleibt? Das im gegebenen Lebenskreis sein Glück und sein Genüge findet?

Pardon: Das gehört eher in einen Besinnungsaufsatz fürs Abitur oder in eine geschwollene Bewerbung für einen Führungsjob bei Herstellern von Landmaschinen.

Woher wollen die beiden Stauffenbergs die neue Führungsschicht nehmen? Sie stellen sich das so vor: „Wir wollen Führende, die aus allen Schichten des Volkes wachsend, verbunden den göttlichen Mächten, durch großen Sinn, Zucht und Opfer den anderen vorangehen.“

Die höheren Herrschaften sollen „durch großen Sinn, Zucht und Opfer“ vorangehen? Wann ist so etwas je geschehen?

Sinn? Darin kann man in pluralistischen Zeiten schlechterdings nichts Sinnvolles sehen. Zucht? Na klar, die alte duale Parole „Zucht und Ordnung“ wurde automatisch, aus dem Unterbewusstsein heraus, variiert zu „Zucht und Opfer“.

Wer soll Opfer bringen? Die beiden Stauffenberg beantworteten diese Frage für sich auf tödliche Weise. Die neue Elite unseres Landes dagegen hat dem Opfer einen anderen Adressaten gegeben: Opfer haben die anderen zu bringen, die nicht nach oben kommenden Schichten. Sehr prekär ist so etwas.

Es wäre bitter notwendig, die ganze Fragwürdigkeit dieses Schwures in einer Ausstellung zu kommentieren. Glaubt denn jemand, dass die Besucher sich den Kopf zerbrechen? Dem Haus der Geschichte stünde es gut an, hier mehr Verantwortung zu übernehmen.

Gehen wir weiter im Gewölbe der Erinnerungsstätte. Da prunkt im nächsten Glaskasten der Ehrensäbel, den Claus in seinem Kavallerieregiment bekam. Was soll er bezeugen?

Daneben schocken uns unkommentierte Fotos aus einem Album über den Feldzug in Polen 1939: eine zerstörte Ortschaft und Leichen. Soldaten? Zivilisten? Deutsche? Polen? Man wüsste doch zu gerne, welche Siege und über wen Stauffenbergs Regiment da errungen hat.

Kein Wort, wie berauscht vor Siegesstolz die Soldaten waren. Ab wann kamen Zweifel, Ablehnung, Protest gegen die Nazi-Kriegsführung auf, die schon in Polen massenweise Juden und andere ermorden ließ? Schweigen wirkt hier fatal.

Dann der Bruder Berthold, der der tief braunen Marinekriegsführung die juristische Rechtfertigung zu besorgen hatte, bis 1944. Hilfe für Hitler mit juristischen Waffen. Sehr traurig. Aber er hat doch noch sonst was Gescheiteres geleistet? Und wo?

Der Abgesang: „Im Kreis um Stefan George“. Eine bedenkliche Sackgasse der deutschen Kultur. Wie aus dieser geistigen Unmündigkeit und Unterwürfigkeit doch noch ein selbstbewusster Hitler-Attentäter geworden ist – das ist fast ein Wunder. Man hätte nur gerne gesehen, wie es wurde. – Nichts darüber ist zu sehen in der Darstellung.

Das Cello von Claus, damit spielte er gelegentlich abends in der Kaserne, zur Verwunderung der Kameraden. Aber mit einer Verbindungslinie zwischen Musik und Charakter, Politik und Menschlichkeit sollten wir lieber vorsichtig sein.

Reinhard Heydrich, der Organisator der Shoa, 1942 in Prag von zwei tschechoslowakischen Partisanen getötet, war ein begnadeter Violinspieler.

Vorne um das Alte Schloss herum ist derzeit (Dezember 2006) der Weihnachtsmarkt zu sehen. Jeden Tag ziehen Tausende vorbei. Hinten in der vor sich hinschlummernden Stauffenberg-Erinnerungstätte dagegen werden es selten mehr als 50 pro Tag sein.

Für das wirkliche Interesse der Stuttgarter steht der überdimensionale Weihnachtsmann, beleuchtet. Insofern ist selbst eine schwache Erinnerungsstätte besser als eine Rote Wurst.

Das Gedenken an Stauffenberg ist an sich ehrenvoll und notwendig. Aber es befremdet das erneute Schweigen über den Schreiner Georg Elser von Königsbronn, der seit 1936 daran ging, Hitler zu beseitigen. Im Münchener Bürgerbräukeller verfehlte er am 8. November 1939 den Kriegstreiber und Massenschlächter
nur um 13 Minuten.

Hätte Elser Erfolg gehabt, dann hätte es sehr wahrscheinlich keine Judenmorde, keinen endlosen Weltkrieg, keine Vergasung unserer Behinderten (Euthanasie) und keine Atombombenabwürfe gegeben.

Es wäre sinnvoll, den Besucher der Erinnerungsstätte zu erinnern an Stuttgarter Örtlichkeiten des Widerstandes. Wir möchten nächstens anregen: ein Faltbflatt auszulegen, um die Interessenten systematisch anzuleiten, dass sie selber das zu wenig bekannte Stuttgart des Widerstands kennenlernen.

Wenn die junge Generation nicht beizeiten dazu ermuntert wird, verlieren wir ein wesentliches Element unserer Geschichte: die lange Mühen um eine Befreiung vom Diktator und seinem unglaublich blutigen, mörderischen Regime. Damit verlieren wir aber die Geburtsstunde unserer Demokratie, ihren Ernst und die Verantwortung für das Gemeinwohl.

Stuttgart, Dezember 2006

Hellmut G. Haasis (Reutlingen)
Ralf Jandl (Horb)

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