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STAUFFENBERGS SCHWUR


DAS DEUTSCHE OFFIZIERSKORPS VOM VORWURF DER JUDENMORDE BEFREIT

PREMIERE EINES STAUFFENBERG-DRAMAS IM SCHWÄBISCHEN REGIONALTHEATER MELCHINGEN (BEI REUTLINGEN/TÜBINGEN)

ERLITTEN VOM ELSER-BIOGRAFEN HELLMUT G. HAASIS

 

Selbst die Schwaben im schwarzen „MUSCHDERLÄNDLE“ spüren, dass die ökonomische Krise zur gesellschaftlichen und geistig-kulturellen wird. Wo kann es noch ein Halt geben, wenn ALLES WACKELT STÜRZT VERLOTTERT VERLOREN GEHT?

Was wäre zu empfehlen?
Ganz einfach:
RÜCKKEHR ZU DEN MYTHEN: Märchen, Sagen, Religionsübungen usw. Hexen fliegen wieder durchs Land, die Pfaffen bekommen Zulauf, Gebete, Predigten, Erbauungsbücher.
Auf der Strecke bleibt, wie gehabt, DIE AUFKLÄRUNG.

So geben sich die Schwaben seit einiger Zeit Mühe, ihre Mythen zu POLIEREN. Sie sind ewig gleich – die Mythen - zumindest sollte man das glauben. Wahr müssen sie eh nicht sein, aber sie versichern die Glaubenden der Übereinstimmung mit der Ewigkeit, freilich einer behäbigen in der warmen schwäbischen Stube.

Und das Schönste an diesem SCHWINDEL: Sie sind allen deutschen Mythen überlegen.

Warum? Sie vergegenwärtigen Einheimische, oigas Gwächs, eigenes Gewächs, wie Bohnen, Tomaten und Kartoffeln.

Der Grundsatz vieler meiner Landsleute:
„Mir brauchad koi Konschd, mir brauchad Grombiera.“
(Wir brauchen keine Kunst, wir brauchen Kartoffeln.)

Ein erster energischer Schritt zur RENAISSANCE DER MYTHEN war die Schaffung eines Hauses der Geschichte in Stuttgart, auf der Kulturmeile, gleich neben der Staatsgalerie, dem Staatstheater gegenüber. Also mitten unter der HOCHKULTUR.

Und das in einem Bundesland, in dem man die dringendsten sozialen Staatsaufgaben wegspart.

Der nächste Schritt:
Just dieses Haus der Geschichte schusterte vor zwei Jahren eine auffallend schiefe STAUFFENBERG-GEDENKSTÄTTE zusammen.

Alle Kritik daran hat nichts genützt.

http://haasis-wortgeburten.anares.org/stauffenberg/wo_bleibt_elser.php
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Im Alten Schloss strahlen nun das Cello des jugendlichen Helden Claus und sein Kavallerie-Ehrensäbel, als er noch stolz darauf sein durfte, den „Pöbel“, Juden und anderes verachtungswürdiges „Mischvolk“ zusammenschlagen zu können.

Unter dem Segen der Kirche, voran des evangelischen Landesbischofs von Württemberg, Theophil Wurm.

Stauffenberg: ein Held zeitweise von Hitlers Kaliber. Ohne Zweifel.
„Einer von uns.“

Diese Gedenkstätte auf der Rückseite des Alten Schlosses kommt mir vor wie ein Märchenspuk für ein erwachsenes Kaschperlepublikum.

Eine Gaudi, kann ich euch sagen.
Hingehen, sich wundern, Kopf schütteln - und dann aber eine scharfe Kritik im Gästebuch hinterlassen.

Uns wird‘s nicht besser gehen als Sisyphos:
Man muss es tun, nützen wird‘s nix.

Der dritte Schritt zur Mythologisierung: eine opulente Ausstellung über den Nazifilm „JUD SÜSS“ von VEIT HARLAN. Dazu brachte ich einen Verriss in der Süddeutschen Zeitung.

Dafür muss ich jetzt büßen. Der Chef des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel, hat mich mit meinem Süß-Oppenheimer Programm rausgeschmissen.
http://haasis-wortgeburten.anares.org/veitharlan/veitharlan02.php

Der vierte, der neueste Schritt bei der Rückkehr zu den Mythen: ein dokumentarisches Stauffenberg-Drama auf der Schwäbischen Alb, wo man ansonsten nichts mit der STÄDTISCHEN HOCHKULTUR am Hut hat.

Premiere war am Mittwoch, 23. Januar 2008. Volles Haus, dank der vielen Freikarten. Es kam ein ganz anderes Publikum, nicht das ländliche, das eher die leichte Unterhaltung schätzt, sondern das SCHWERKÖPFIGE aus den HÖHEREN KREISEN, offensichtlich viele gut gebildete Akademiker, zähe Sitzer, die auch schlafend nicht so schnell von den Stühlen kippen.

Denen kann man die schwersten Brocken zumuten, e Leute, die in den feinsten Verästelungen der Widerstandsliteratur durchblicken. - Aber sicher doch.

Den Grundstock des Stücks schrieb Andreas Vogt, qualifiziert für das komplizierte, marktfremde Thema durch die Betreuung des Schwäbischen Heimatbundes, Ortsgruppe Tübingen. Hervorgetreten mit der Pflege der Grabdenkmale auf dem alten Tübinger Stadtfriedhof.

Der Melchinger Intendant Bernd Hurm gab ihm das Stück mehrmals zurück, Vogt häufte noch mehr Zitate auf und wühlte in der Familienüberlieferung der Stauffenbergs, bis das viele Papier alles Leben erstickt hatte.

Darauf nahm das Theater Lindenhof selbst den Text auseinander und ließ Ida Ott alles neu zusammenkleben. Dem Stück hat die Flickarbeit nicht gut getan.

Ist das wirklich ein dokumentarisches Drama, wie der Intendant Hurm glauben machen will?

Mitnichten. Es ist weder dokumentarisch noch überhaupt ein Drama, von Theater keine Spur. Man kommt sich eher vor wie in einem Tutorium, bestenfalls Proseminar bei den Zeithistorikern an einer Universität.

Die Einleitung in Stauffenbergs Leben quillt über von Belanglosigkeiten aus Kindheit und Jugend, garniert mit entbehrlicher Familiengeschichte.

Das Stück willsich vor den Konflikten – am Schluss ist die Zeit verflogen, nichts Wesentliches, nichts Neues war zu erfahren.

Der Jugendteil frisst über die Hälfte der Zeit auf. Man spürt die Auftraggeber aus der Stauffenberg-Heimatstadt Balingen. Das Stauffenberg-„Schloss“ liegt in Lautlingen, 5 km vor der Stadt.

Wes Brot ich ess, dessen Geschichtskorrektur ich treib‘. So ist nach dem ersten Drittel zu befürchten.

Das tiefschwarze Bühnenbild lässt ahnen, wie finster alles ausfallen wird. Ein minimalistischer Aufbau, pseudo-expressionistisch, alles Leben entwichen. Grau alle Kleider, Bundeswehruniformen, selbst Frau Stauffenberg trägt grau. Trist auch die Sprache. Trockener, akademischer geht’s kaum.

Begonnen wird mit dem weltfremden Schwur der Brüder Stauffenberg im Geiste von Stefan George, 1943, womit sie sich auf den Kampf gegen Hitler einstimmten.

Man hätte gerne gewusst, wie sie von diesem Gesülze aus doch noch zu einer entschiedenen Tat kommen konnten. Ein Rätsel, an dem Stück und Schauspieler scheitern.

Die Inszenierung gibt sich von Anfang an steif, statisch. So mag man sich vielleicht das Theater der griechischen Antike vorstellen: rumstehen, immer stramme Körperhaltung, nix als papierene Sprechblasen rausblubbern. Aber wenigstens spielte man damals vor den Augen der selbst erfundenen Götter. Seitdem dieser Selbstbetrug verflogen ist, müsste Theater befreiter auftreten.

Der Heidelberger Esoteriker Stefan George, zu dessen abgöttischem Schülerkreis die Brüder Stauffenberg gehörten – unglücklicherweise – dominiert das Stück, von vorne bis zum Schluss.

Gab es da nicht auch ganz andere Überlegungen in den Verschwörerkreisen? Andere Strömungen? Heftige Konflikte um Ziel und Taktik? Um soziale Probleme? Um die Einschätzungen des deutschen Volkes?

Nichts davon zu hören, über allem wabert Stefan George. Der wird hier mächtiger aufgepumpt, als er je war.

Zumindest hätte es die Chance gegeben, diesen Irrweg zu kommentieren, zu parodieren, durch Aktionen loszuwerden. Der Schatten Georges liegt unbesiegbar auf dem Stück: ein Albtraum.

Nochmals bekommen wir diesen Schwachkopf um die Ohren geschlagen. Viel zu viele George-Schüler sind dem Rattenfänger von Braunau nachgelaufen. Sie hatten bei ihm nie das kritische Handwerkszeug des produktiven Geistes lernen können. Und knall-rechtsaußen waren sie allemal, auch die Stauffenbergs.

Das Unglück nimmt seinen Lauf, sobald die beiden Zitatesprecher ans Doppelmikrofon treten. Soll es mit dieser Sprechanlage eine Kundgebung für die verpennte Nation geben? Oder eine Sprechprobe für den Nachruf?

Das Unentschiedene schleppt sich voran. Die drei Sprecher/Innen schieben sich verlegen mit Kopfdrehen, Blicken und Lächeln die Rollen zu.

Nur welche? Anfangs spielen sie noch einigermaßen verständlich, so dass man versteht, wer jetzt Stauffenberg sein soll, wer seine Mutter.

Ab der Hälfte nimmt die Verwirrung zu. Immer mehr sprechen die drei im Geist eines Proseminars an der Universität, sie bieten uns unverdaute Exzerpte aus einem umgestürzten Zettelkatalog. Zitieren dilettantisch aus wissenschaftlichen Handbüchern, Erinnerungen, Aufsätzen, Materialien verschiedendster Art.

Ein einziges Mal spüren sie Zweifel, woher das alles zusammengestoppelt sei, und fragen, sich kurz selbst auf den Arm nehmend, freilich ohne Humor: „Quelle?“

Dazwischen funken andere Schwüre herein. Was hier alles zusammengeschworen wird – und möglichst wiederholt, weil der Regisseur Philipp Becker nicht glaubt, wir kämen schon beim ersten Mal auf den Trichter.

So nerven uns wiederholt Tautologien. Einmal mehr bestätigt sich, dass Tautologien falsches, leeres Pathos ankündigen. Die beiden Brüder schwören, „unverbrüchlich zu schweigen“.

Ja, wie ginge denn das Gegenteil: verbrüchlich schweigen?

Die Figuren, unfähig zu eigener Handlung – insofern trifft das Theater-Debakel unbeabsichtigt die Unfähigkeit dieses Widerstandskreises – laufen bald für jedes Zitat in eine andere Ecke, werfen sich in die heldische Brust und schmettern „Bedeutendes“ in die Geschichte hinaus. Die Mikrofone sind wohl der Zugang zum Nachruhm, den die Sprecher bei uns einfahren sollen.

Aber die Bemühungen um das geistige wie politische Scheitern dieser Elite kommen nicht über den Charme einer Abitur-Schlussfeier im Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Stuttgart hinaus.

Jeder Satz könnte sich auf Papier sehen lassen, Papa und Mama auf den Nachttisch gelegt, aber als Erklärung für eine Schicksalsstunde der Nation nimmt sich das Ganze peinlich aus.

Ab 1918 beginnt das Thema des Stücks erst richtig, wir haben über eine Halbzeit verschenkt an eine Regionalgeschichte, die niemand hören wollte – außer die zahlenden Honoratioren von Balingen und Lautlingen.

Die Übersicht geht verloren. Wer nicht vor kurzem diese Epoche an der Uni durchgenommen hat, blickt bei der Herkunft und dem Wert der Quellen nicht durch.

Und was sollen Quellen, die nichts zum Fortgang des Stücks beitragen? Alles purzelt wie Kraut und Rüben in den Zuschauerraum. Unvermeidlich taucht das Melchinger MASKOTTCHEN HÖLDERLIN auf, ohne das die Tübinger ihr Stadtbild am Neckar einmotten könnten.

Meine Wette: Man verteile an Testpersonen, normale Menschen, nicht Leute der Uni, einen Fragebogen über die Quellen dieses Stücks. Keine 10 % der Quellen würden richtig identifiziert werden.

Als endlich ein Brief Stauffenbergs an den Säulenheiligen Stefan George bedeutungsschwer über die Bühne schwebt, kippt der Zettelkasten um in eine BEERDIGUNGSFEIER.

Aber wer oder was wird da begraben?

Eigentlich wird hier, so scheint mir, die notwendige geistige Souveränität gegenüber einer HISTORISCHEN FEHLENTWICKLUNG begraben – ohne dass wir uns davon befreien könnten.

Im Stück fehlen alle notwendigen Zutaten für ein Drama: Es gibt keine Spannung, keinen roten Faden, keine Entwicklung, überhaupt kein Plot. Das alles ist, so würden die Germanisten sagen, verdächtig „postnarrativ“.

Aber so was ist unweigerlich der TOD DES THEATERS. Stauffenberg betet auf einmal den Cellisten an, soll heißen die Musik.

ALLES VERRÜCKT, ohne das Niveau des Surrealismus erreichen zu können.

Die Weiche zum Geschichtsunterricht wird immer penetranter eingeschlagen, als Stauffenberg in Bamberg zur Kavallerie geht: aus Liebe zu Bayern und „zum Pferd“. Frau Stauffenberg fällt aus ihrer mageren Rolle und erteilt uns fleißig Geschichtsunterricht.

Mit Verlaub: Da waren selbst meine Lehrer interessanter.

Plötzlich hört man im Hintergrund eine Nazi-Rede im Originalton. Nur wenige dürften erkannt haben: Goebbels‘ Rede Januar 1933 zur Bücherverbrennung. Eine Funktion im Stück hat dieses Zitat nicht. Es fällt hart auf den Boden – und wird gleich weggefegt vom kollektiven Unverständnis.

Die MELCHINGER SCHULMEISTER in feldgrauen Soldatenuniformen reiten im Schweinsgalopp durch die Geschichte. „Unbedingter Gehorsam gegen Hitler“. Stauffenberg kommandiert einen Minenwerferzug. Studium an der Kriegsakademie in Berlin-Moabit. – Was er da treibt, bleibt uns erspart. Man könnte solches Zeug getrost streichen.

Stauffenberg schwadroniert, das Offizierskorps sei „die eigentliche VERKÖRPERUNG DES VOLKES“. – Ein Holzweg, der unkommentiert bleibt. So was schreit nach Parodie, Spott, zumindest Ironie. – Hitler will das Sudetengebiet „befreien“, Europa droht ein neuer Weltkrieg.

Endlich eine Hoffnung: Generaloberst Beck, der Kopf des militärischen Widerstands, will zum Putsch aufrufen. Man soll glauben, der wenigstens sei gegen Hitlers Krieg, aber in Wirklichkeit stemmte er sich nur gegen den frühen Termin. Später, mit einer gut vorbereiteten Wehrmacht, wäre ihm jeder Angriffskrieg recht gewesen.

Nach dieser Fehlleistung ist es nicht mehr weit zur Geschichtsfälschung, auftragsgemäß. Die Zitate kommen so unkontrollierbar, dass wir glauben sollen, Stauffenberg wäre ein scharfer Gegner der Reichspogromnacht gewesen.

Ein später Wunschtraum auf der Schwäbischen Alb.

Das seit Jahren durch immer neue Entdeckungen von Nazi-Verbrechen auch in der Armee verstörte Publikum hört es gerne – und darf aufatmen.

Das Ausrücken in den Krieg 1939 empfindet Stauffenberg als Erlösung. Begeistert waren viel zu viele, der Krieg war halt doch was Schönes – solange man von Sieg zu Sieg eilte. Deshalb nimmt man diesen Herren die prinzipielle Gegnerschaft gegen die Nazis und Hitler nicht ab.

Im Herbst 1939 erleben wir Stauffenberg als einen 100%-igen Nazi. Ist er je anders geworden? Das Stück windet sich um eine klare Auskunft, es geht über vom Gesabber à la Stefan George zum Nebelwerfen à la Heldenverehrung.

Stauffenberg freut sich 1940 über die raschen Erfolge in Frankreich, sein Regiment vollbringt „ruhmvolle Operationen“. Von den Toten, welcher Seite auch immer, ist keine Rede.

Die letzte Spur Lebensgeschichte verliert sich, Stauffenberg kommt in den Generalstab, soll „das Friedensheer“ organisieren. Er, der gar keinen Frieden will. Im Frieden wäre sein Job aufgehoben. Und er versteht sich ja nur als Soldat.

Noch in der permanenten Wehrmachtskrise 1942 in Russland empfindet Stauffenberg bei der Begegnung mit Soldaten richtigen SPASS.

Da muss ich stellvertretend für meinen Vater Widerspruch einlegen.

Mein Vater war Offizier in einem Lazarettzug und hatte an der Front die schwerverletzten, verkrüppelten, hoffnunglosen, verbitterten Soldaten in den Zug einzusammeln, damit man die Wracks nach Hause fahren konnte.

In seinen Kriegstagebüchern ist von Spaß nicht die Rede.

Bereits Ende 1941 war für Militärkenner klar, dass dieser Krieg verloren geht. Dem Blindgänger Stauffenberg dämmert das frühestens Mitte 1942 – wenn die Zitate stimmen, was ich der MELCHINGER FÄLSCHERWERKSTATT nicht mehr glauben kann.

Wer einmal, gar zweimal LÜGT, dem glaubt man nicht mehr.

Warum kommt der Schenk auf den Trichter – und so spät? Das haben sich schon viele Generationen gefragt.

Weil die deutsche Armee bis Ende Mai 1942 „ein Drittel ihres BESTANDES“ verliert, schreibt Stauffenberg.

Man muss den letzten Satz nochmals lesen. Die Armee verliert „Bestand“.
Etwa Autos? Panzer? Pferde? Stiefel?

Weder Stauffenberg noch die Stückeschreiber können die verschüttete menschliche Dimension zurückgewinnen.

Das Stück rutscht vollends in die Geschichtsklitterung ab, zum Heiligen und zur Entlastug des deutschen Volkes. Der Kommissarbefehl Hitlers wird gestreift, man soll glauben, Stauffenberg sei dagegen gewesen.

Wir bekommen eine Augenzeugenschilderung von einer Judenerschießung in der Ukraine zu hören. Aus einem Strafprozess mindestens 20 Jahre später.

Danach wird der Widerstandskämpfer Gersdorff zitiert, das Offizierskorps der Gegend sei gegen die Morde gewesen. Es bleibt der Eindruck, mit diesen WENIGEN WEISSEN RABEN wäre Stauffenberg aus der braunen Zeit geflogen.

Abgerundet wird das Märlein durch ein Zitat von Axel von dem Bussche, der Hitler mit einem Attentatsversuch bei einer Uniform-Vorführung nahe an die Gurgel kam.

Aber das hat mit Stauffenberg ABSOLUT NICHTS zu tun.

Dies alles Stauffenberg gutzuschreiben, bedeutet BÖSWILLIGE FÄLSCHERARBEIT.

Wir stürzen in einen geistigen Abgrund – ist das der Mythos? - Stalingrad, es wird aufrichtig gestorben, massenweise. – Ohne Stellungnahme des Stücks, nicht mal körpersprachlich. – Weiße Rose München. – Der große Graben zum fortdauernden Kriegsfanatismus wird zugeschüttet.

Stauffenberg wird Februar 1943 nach Tunis versetzt, kommt ins abgewrackte Afrikakorps Rommels, wird schwer getroffen. Verliert ein Auge, durch das er sich für immer zur Ikone der Filmindustrie qualifiziert.

Wenigstens die Aasgeier der Medienindustrie haben einen Nutzen von dieser Verwundung.

Erst jetzt scheint er begriffen zu haben, dass der Krieg verloren geht. Ihm dämmert die Erkenntnis, Hitler müsse beseitigt werden. Stauffenberg will aber nicht den Frieden retten, sondern “Deutschland“. Sein HEILIGES DEUTSCHLAND.

Auf dem Melchinger ZITATENFRIEDHOFS trifft Stauffenberg geschwind noch Henning von Treskow - wahrlich eine ganz andere Persönlichkeit als Stauffenberg. Wir dürfen wieder einmal den Verzweiflungsspruch hören, man müsse, auch wenn es nicht gelinge, vor der Welt den „entscheidenden Wurf“ wagen.

Gelangweiligt schaue ich auf die Uhr, uff uff, wir haben erst 21.15 Uhr. Noch eine halbe Stunde müssen wir uns auf dem Friedhof herumführen lassen. Verzweifelt stürzen vermehrt George-Trümmer auf uns ein, wie wenn Stauffenberg selbst der Dichter wäre.

Im Verständnis des Tyrannenmordes verfehlen die Melchinger ihr Thema endgültig. Tatsächlich schaut Stauffenberg ständig nach einer Chance, Hitler umzulegen. Aber bis zum Schluss ist er umnebelt von Hitlers Ausstrahlung.

Ein Opfer der kollektiven Autosuggestion - worin die Deutschen besonders stark waren - Folge von Verstandesschwäche und vom absoluten Mangel an aufgeklärtem Denken.

Auf dem letzten Stauffenberg-Foto im Hauptquartier, drei Tage vor dem Anschlag, steht der zum Attentat entschlossene schwäbische Graf neben Hitler und – was tut er? - er strahlt ihn begeistert an: ein glücklicher Mensch.

Schauspielerei? Keineswegs, denn Hitler grüßt jemand anderen.

Wann hörte die Hitlerbesoffenheit auf? - Bei ROMMEL nie, denn er jammerte begleitend zur befohlenen Selbstermordung, er habe den Führer doch so geliebt.

Nach einem Chaos von Stimmen über den Anschlag wird Stauffenberg erschossen, vorher lassen die Melchinger ihn unentschieden rufen „Es lebe ..........“ Der Schauspieler stockt, läuft weg, kehrt zurück, macht weiter: „.....das Heilige Deutschland“.

Ein einziges Mal lassen sich die Melchinger Distanz einfallen.

Im Abspann ist Hanna Ahrendt zu hören, wie wenn sie da irgendwo mitgekämpft hätte. Wir bekommen die Versöhnung der gegensätzlichen Lager verordnet: Stauffenberg sei für den Nationalsozialismus gewesen, den Hitler aber missbraucht habe.

Die abschließende Botschaft: Stauffenberg war der bessere, der idealistische Nazi.

In diesem Einheitsbrei aus verschiedenen Richtungen wird Stauffenberg zu einer NEUEN KOLLEKTIVGESTALT zusammengeschweißt, die die alte Nazigeneration mit dem Attentäter versöhnt.

Stauffenberg schaffte den Spagat zwischen den beiden Hauptströmungen der Deutschen. Die Wehrmacht ist nicht mehr für den „Ausrutscher“ der Shoa verantwortlich.

Amen, sagt die versöhnte schwäbische Seele – und hofft, die Theaterkasse werde jetzt richtig klingeln.

Hellmut G. Haasis
Reutlingen
(Januar 2008)


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